Fußball-EM – Hallo Nationalstolz!

Hallo Welt,

oder soll ich euch lieber Nationalstolz nennen? Wobei das vermutlich diskriminierend wäre, weil sicherlich nicht jeder von euch stolz auf sein Heimatland ist. Bin ich aber auch nicht so wirklich. Die Fußball-EM steht wieder an und ich bin unglaublich motiviert, kein anderes Thema mehr zu hören (wie kann man noch mal bestimmte Hashtags auf Twitter blocken oder stumm schalten?). Das war schon bei der WM so wundervoll. Ich kam mir schon fast einsam vor, als ich mich lieber über die grausamen Bedingungen in Brasilien aufgeregt habe, statt mich über das Fußballereignis zu freuen, ich, die höchstens Freude daran hat, sich einmal im Jahr eSport-Weltmeisterschaften via Stream zu geben. Entsprechend unterhalten werde ich durch die permanente Berichterstattung zu diesem Thema sein. Was zum Thema König Fußball noch dazu kommt, ist, dass diese hübschen Fahnen, die PEGIDA mit Rufen wie „Wir sind das Volk!“ (Nein, seid ihr immer noch nicht) durch die Gegend schleppt, quasi überall zu kaufen sind. Ja, das ist noch eine etwas undifferenzierte Art der Dinge, weil es ja in einem Fall klar Nationalismus, gepaart mit einer nicht kleinen Portion Chauvinismus ist, und das, was mit den meisten Leuten zu solchen Fußballevents abgeht, schlicht Patriotismus ist.

Gehen wir mal etwas tiefer in diese Thematik des Nationalstolzes ein. Nationalstolz, das Gefühl, Stolz auf das Heimatland zu sein. Heimatland, noch so ein Begriff, der oftmals von rechts geklaut wird. Mein Heimatland ist letztlich das Land, in dem ich mich zuhause fühle. Angenommen, ich fühle mich nun in Deutschland verdammt zuhause, arbeite dort, lebe dort, habe dort meine sozialen Kontakte, dann ist es meiner Meinung nach vollkommen okay, Deutschland als die eigene Heimat zu bezeichnen, unabhängig vom Status der Staatsangehörigkeit und des Geburtsort. An der Stelle noch ein kleines Beispiel, ein Flüchtling, der vor kurzem noch mein Nachbar war, sieht Deutschland mittlerweile auch als seine neue Heimat an und will auch nicht mehr zurück, weil er inzwischen hier arbeitet und soziale Kontakte knüpfen konnte, auch wenn er die Sprache noch nicht perfekt beherrscht. Er kann Deutschland genauso als sein Heimatland bezeichnen wie ich, nur um das von Anfang an mal von rechts abzugrenzen. Ich nehme einfach mal an, dass die meisten Menschen schon einmal Stolz empfunden haben, ganz gleich, warum genau nun. Ich befürchte meistens, dass ich einfach ein anderes Verständnis von Stolz habe als viele andere Menschen. Stolz kann ich persönlich nur für etwas empfinden, bei dem ich selbst einen großen Anteil geleistet habe. Da ich aber weder einen großen Anteil für die tolle Wirtschaftssituation in Deutschland leiste, noch irgendwie Teil der deutschen Fußballnationalmannschaft bin, um mal darauf zurückzukommen, fällt es mir sehr schwer, stolz darauf zu sein. Ich kann beispielsweise auch nicht stolz auf die Piratenpartei sein, obwohl ich mich selbst sehr gerne als Piratin bezeichne. Ich habe einfach nicht in einem so großen Maßstab mitgewirkt, als dass ich es könnte, ohne es in irgendeiner Art und Weise abwertend zu meinen. An der Stelle könnte man zwar damit argumentieren, dass ich mich Deutschland dann wohl nicht genügend zugehörig fühle, aber wer mich zumindest etwas kennt und auf Seiten wie Twitter verfolgt, der weiß, dass ich ziemlich piratig bin. Am Zugehörigkeitsgefühl scheint es also nicht zu liegen. Bleiben wir wohl beim unterschiedlichen Verständnis von Stolz.

Wie sehe ich es nun bei anderen, dass dort Menschen sitzen, die fröhlich Deutschlandfähnchen schwenken und „unsere“ Mannschaft anfeuern? An der Stelle würde ich sehr gerne sagen, dass es mir nicht egaler sein könnte. Aber das wird so stark in sämtlichen Medien präsent, dass ich davon wirklich genervt sind und die Deutschlandfähnchen schwenkenden Menschen sind schließlich Teil davon. Dennoch, wenn ich das ignoriere, ist es mir schlicht und einfach verdammt egal. Ich halte es nicht für gefährlich, wenn ein paar Menschen der Meinung sind, zur EM Fußball- und Deutschlandfan zu werden. Patriotismus im eigentlichen Sinne beinhaltet auch nicht die Abwertung anderer Nationen, ähnlich ist es auch bei der EM. Klar, Patriotismus ist zwingend notwenig für einen Nationalismus, der andere Völker wieder abwertet, als eine Art Vorstufe. Aber das drückt man wohl besser anhand einer Beispiels aus. Wenn ich mir nun ein Schnitzel zubereiten will, brauche ich dafür überhaupt erst einmal ein Schwein. In dem Fall ist das Schwein der Patriotismus und das Schnitzel der Nationalismus. Obwohl das eine die Voraussetzung für das andere ist, muss es nicht zwingend dazu führen. Daher bin ich der Meinung, dass dieser Fußballpatriotismus, der zur EM und WM meistens auftritt, nicht in irgendeiner Form gefährlich ist und sollte auf gar keinen Fall von Rechten instrumentalisiert werden, weil man ja gar nicht mehr stolz auf sein Land sein darf. Sofern es bei einer friedlichen Denkweise bleibt, die andere Nationen gleichberechtigt neben der anderen existieren lässt, kann mir das egal sein. Ist es im Endeffekt ja auch. Solange der Patriotismus nicht zum Nationalismus und Unterstützung von rechts entwickelt, sollte jeder darauf stolz sein können, worauf er Bock hat. Ob es nun Omas Kartoffelsalat oder die deutsche Nationalmannschaft ist, solange ich in Ruhe nicht stolz auf mein Heimatland sein kann und auch deswegen nicht abgewertet werde, gibt es definitiv Schlimmeres als ein paar Menschen, die zur WM ein paar Fähnchen schwingen.

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Ein Gedanke zu “Fußball-EM – Hallo Nationalstolz!

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