Feminismus, Post Gender, Gleichstellung und ich

Hallo Welt,

heute werde ich versuchen, meine Position in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit halbwegs verständlich darzustellen. Dabei gibt es gefühlt hunderte verschiedenste Varianten, wenn ich mich so im Netz umschaue und sobald ich englischsprachig werden sowieso noch viel mehr.

Zunächst einmal definiere ich mich selbst nicht als Feministin. Ich tue zwar vermutlich das, was auch Feministen tun, dennoch sehe ich mich nicht zu dieser Gruppe zugehörig. Warum? Im Grunde genommen  ist Feminismus nicht direkt etwas Negatives. Wikipedia sagt dazu

Feminismus bezeichnet sowohl eine akademische als auch eine politische Bewegung, die für Gleichberechtigung, Menschenwürde, die Selbstbestimmung von Frauen sowie gegen Sexismus eintritt

Soweit so gut Ziele, denen ich zustimme. Ich finde Gleichberechtigung zwischen allen Geschlechtern, nicht nur Mann und Frau, sondern natürlich auch den nicht-binären Geschlechtern, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Als ein großer Fan des Grundgesetztes empfinde ich Menschenwürde als etwas wunderbares und wünsche mir, dass irgendwann auch die ganze Welt davon profitieren kann. Selbstbestimmung ist für mich auch ein sehr hohes Gut. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit erhalten, in einem großen Maße über sich selbst bestimmen zu können, sofern er dabei einem anderen Menschen nicht schadet. Aktionen wie „Mein Bauch gehört mir“ im Zuge der früheren Abtreibungsdebatte haben mit dazu beigetragen, dass Frauen mehr von dieser Selbstbestimmung zugestanden bekamen. Ähnlich ist es zu sehen, als endlich Vergewaltigungen in der Ehe unter Strafe standen. Auf jeden Fall positiv zu bewerten und ein großer Schritt in Richtung Selbstbestimmung und Geschlechtergerechtigkeit. Außerdem bin ich sowieso kein Freund von Sexismus und (Geschlechter)klischees. Frauen müssen pink mögen, sich schminken, tausende von Schuhen haben und noch mehr kaufen wollen, süß sein, natürlich vollkommen emotional sein und Stimmungsschwankungen sind immer auf die Menstruation zurückzuführen. Genauso müssen Männer immer harte Machos sein, dürfen nicht weinen, müssen hart anpacken können, Bier und andere alkoholische Getränke in Massen trinken, auf gar keinen Fall Röcke tragen oder sich schminken und wehe, ein kleiner Junge wünscht sich mal eine Puppe. Das ist der Sexismus, den wir in unserer Gesellschaft im Alltag erleben und von dem man leider noch oft immer hört in Form von „Das ist halt so, das ist biologisch so“. Darüber rege ich mich immer gerne auf. Und dann haben wir auch noch die ganzen Probleme, unter denen Frauen auf anderen Kontinenten leiden. Unterdrückung in verschiedensten Formen, der Missbrauch als Gebärmaschine, grausame Beschneidungen oder die Tötung von weiblichen Säuglingen bzw. die Abtreibung unter dem Aspekt, dass man sich einen Jungen als starken Erben gewünscht hat. Als das ist menschenverachtend und natürlich abzunehmen. In dem Sinne scheine ich wohl schon mit dem feministischen Grundgedanken übereinzustimmen. Allerdings glaube ich, dass das noch viel mehr Menschen tun, die sich so wie ich nicht selbst als Feministen sehen, aber genau diesen Grundgedanken als richtig und wichtig empfinden.
Wo ist also nun das Problem? Feminismus ist nun mal leider nicht nur dieser Grundgedanke. Es gibt so viele Unterströmungen des Feminismus, alleine Wikipedia kennt 10. Die geschichtliche Entwicklung spielt noch mal eine Rolle und insgesamt ist die Gruppe derer, die für Feminismus kämpfen, nicht gerade klein. Mich stört es allerdings sehr, dass dort Menschen mit am lautesten schreien, mit denen ich mich so gut wie gar nicht identifizieren kann. Eine Alice Schwarzer sieht die Selbstbestimmung nur bis zu dem Punkt, bis zu dem sie sie selbst für die eigene Ideologie instrumentalisieren kann und lehnt Frauen, die sich frei und einvernehmlich für den Beruf des Sexarbeiters entscheiden, ab, genauso wie Pornographie und vermeidet somit, die Situation von Frauen in den Berufen so zu verbessern, dass die Sorge um Freiheit und Einvernehmlichkeit minimal wird. Genauso lehnt sie es ab, wenn Frauen sich frei und einvernehmlich dazu entscheiden, BDSM auszuleben oder, etwas aktueller, dürften laut der Emma Frauen kein Kopftuch tragen, selbst wenn es sich dabei um eine freie Entscheidung handelt. Die Ächtung durch einen Feminismus nach Alice Schwarzer schränkt eher die Selbstbestimmung ein, als dass sie sie ausweitet. Ich will nicht zusammen in einer Gruppe sein, in der die Emma, ein feministisches Magazin, mit der AfD kuschelt. Ich will nicht zu einer Bewegung gehören, in denen einige Stimmen schreien, dass jeder Mann ein Vergewaltiger ist, der dadurch das Böse darstellt und diskriminiert werden muss. Ich halte den Begriff „Rape Culture“ für zu hart und scheue mich deswegen, das Wort zu verwenden, obwohl ich genau weiß, dass es durchaus genügend Fälle gibt, in denen sexuelle Gewalt bewusst klein geredet wurde. In dem Punkt, dass es nicht sein kann, das Frauen eine Teilschuld an sexuellen Übergriffen bekommen.  Ich will nicht zu einer Bewegung gehören, die sich Frauenquoten, gegenderte Sprache oder besondere Förderungen für Frauen in MINT-Berufen wünscht. Ich selbst wünsche mir, dass jeder Mensch nach Qualifikation in Berufe kommt, habe mir selbst angewöhnt, dass ich kein Sternchen brauche, um alle Menschen zu meinen und bin der Meinung, dass jeder Mann, jede Frau, jeder nicht-binäre Mensch entsprechend des eigenen Talentes gefördert werden soll. Als Frau, die selbst mal was im MINT-Bereich machen will, weiß ich, dass da sehr viel gefördert wird, aber ich will mit meinen männlichen Freunden zusammen an einer Uni sitzen, einen MINT-Studiengang vorgestellt bekommen und mich darüber ärgern, dass der Autofahrer neben uns so schlecht geparkt hat, dass ich mit meinem großen Auto nur Ärger habe und dabei keinerlei Witze über irgendein Geschlecht hören. Das mag dem feministischen Grundgedanken entsprechend, der schon zu Anfang erwähnt wurde. Nur gibt es durch die vielen verschiedenen Interpretationen von Feminismus viele Ansichten, die ich so nicht teilen kann. Daher will ich mich selbst nicht in die Gruppe der Feministen stecken. Trotzdem verteidige ich gerne den Grundgedanken gegen selbsternannte Antifeministen. Es ist ähnlich wie meine Verteidigung für Veganer, wenn militante Fleischesser, zu denen ich ja selbst gehöre, der Meinung sind, leicht zu widerlegende Argumente hervorbringen á la „Fleisch ist ja vollkommen gesund und ohne kann man nicht lange überleben“ oder „Vegane Ernährung ist Mangelernährung“. Ich sehe mich selbst da ziemlich zwischen den Fronten und will mich nicht auf eine Seite stellen und in dem Graubereich bleiben, weil weder das eine noch das andere meine Meinung zu hundert Prozent widerspiegeln kann.

Mir ist also mehr und mehr bewusst geworden, dass mir das Geschlecht meines Gegenübers in der Regel vollkommen egal ist. Ich bin kein Mediziner und das Geschlecht im Sinne von Geschlechtsorgan (sex), nicht Geschlechtsidentität (gender), meines Gegenübers wird höchstens zu dem Zeitpunkt wichtig, ab dem ich sexuelles Interesse entwickle. Soweit bin ich also über Geschlechter hinweg. Ich habe immer wieder versucht, sämtliche Geschlechterklischees zu verwerfen. Das klappt erstaunlich gut. Der Mensch, der vor mir steht, wird nicht über sein Geschlecht definiert. Der Mensch, der vor mir steht, ist in erster Linie ein Mensch mit Interessen, Träumen und Idee, ein eigenes Individuum. Das Geschlecht spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Genauso sollte es für den Staat sein. Was spielt es denn bitte in der Verwaltung für eine Rolle, ob der Mensch dort nun weiblich, männlich, gar nichts, was dazwischen oder etwas anderes nicht-binäres ist? Genauso ist es vollkommen irrelevant, ob mein Kind mit dem Namen Kim nun biologisch als weiblich, männlich oder intersexuell gilt. Warum sollte ich dazu noch einen geschlechtseindeutigen Vornamen vergeben müssen? Ich wünsche mir Gleichberechtigung, Menschenwürde und Selbstbestimmung für jeden Menschen. Mann, Frau und Nicht-Binäre sollen alle Röcke tragen, weinen, sich schminken, sportlich sein und ihre Lieblingsfarbe nennen dürfen ohne dabei irgendwie diskriminiert zu werden. Männer sollten nicht pauschal aufgrund ihres Geschlechtes Vergewaltiger und pädophil sein, vor allem, wenn sie in Kindergärten arbeiten. Frauen sollten nicht als übertrieben emotional gelten und in kurzer Kleidung als Frischfleisch angesehen werden. Nicht-binäre sollten nicht an den Kopf geworfen bekommen, dass sie sich ja nur eine Geschlechtsidentität aussuchen, um als eine ganz besondere Schneeflocken zu gelten. Generell sollten all diese Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, im gleichen Maße respektiert und gesellschaftlich anerkannt werden. Kurz auch Post Gender. Frauen und Männer unterscheiden sich nicht so stark wie Geschlechterklischees behaupten. Letztendlich sind das alles Menschen. Und im Zuge der Tatsache, dass es sich dabei um Menschen handelt, ist es für mich genauso Post Gender wie Grundgedanke des Feminismus, Gewalt gegen Frauen hier als auch im Rest der Welt abzuschaffen. Post Gender beruht letztendlich darauf, dass alle Geschlechter gleich sind (was sie ja auch sind) und gerade deswegen aufgrund des Geschlechts keine Diskriminierung, kein Sexismus stattfinden kann. Wenn das Geschlecht vollkommen egal ist, kann auch gar keine Gender Pay Gap, die noch immer ein Problem ist, auftreten. Frauen können dann gar nicht mehr als nicht rentabel aufgrund einer möglichen Schwangerschaft gelten, weil eben auch der Vater, die Mutter, der zweite Vater, die zweite Mutter oder das dritte Elternteil, sofern es legalisiert wird, dass polyamore Familienverhältnisse möglich sind, zuhause bleiben und sich um das Kind kümmern kann.

Gleichstellung ist für mich auch so viel mehr als die Verwirklichung von Post Gender im gesamtgesellschaftlichen Bereich. Gleichstellung beinhaltet für mich nicht nur Gleichstellung der Geschlechter, sondern auch Gleichstellung unabhängig von der Religion, der Sexualität, der Hautfarbe, der Lebensziele, der Beziehungsmodelle, die Liste lässt sich beliebig erweitern. Kurz gesagt: Sehen wir den Menschen als Menschen ohne die äußeren Umstände.

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